
Wir haben´s verstanden.

Wir haben´s verstanden.
Zwei Tage nach der Wahl war in der Stadt jedes Plakat verschwunden, was einen Hinweis darauf hätte geben können, dass sie jemals stattgefunden hat. Schön, dass es jetzt wenigstens erstmal vorbei ist. Ich will nicht in wahlanalytische Gedanken einsteigen, ich habe keine Ahnung und die größte Überraschung für mich war, dass die Tierschutzpartei noch fast eine halbe Millionen Stimmen bekommen hat. Naja.
Die Welt liegt ein bisschen in Scherben, aber das Bücherregal hinter mir in der Bibliothek ist noch leer. Es wartet darauf, dass jemand weiterschreibt, dass es immer weitergeht.
Wir warten wohl alle zusammen.
Der Blumenmann wollte mir 25 Rosen schenken und weil er nicht wusste, ob er an meinem Geburtstag im Sommer noch leben würde, sollte es schnell gehen. Er lud mich zu sich nach Hause ein und ich ging tatsächlich hin. Nur für ein paar Minuten, sagte ich beim Hineintreten. Es roch nach Essen, er hatte Fisch gekocht, den ich nicht essen werden würde. Seine Wohnung war extrem spärlich eingerichtet. Wie bei jemandem, der sein Leben in einem Blumengeschäft verbringt und selten daheim ist. Eine nichtssagende Leinwand mit einem Foto von New York an der Wand, ein paar Stühle, ein gigantischer Fernseher. Ich aß Trauben auf dem Balkon, lehnte den Wein dankend ab und hörte ihm zu, als er von seinem Leben erzählte. Einem Leben im Irak, in Frankreich, in vielen Ländern und irgendwann in Deutschland. Ein Sohn, Medizinstudent, zu dem er keinen Kontakt hat. Eine Frau, die gestorben war. Es war alles traurig, aber er sagte, er sei sehr glücklich mit seinem Leben.
Ich glaube ihm. Dann drückte er mir einen Strauß Rosen in die Hand und ich ging wieder hinaus. Zum Abschied sagte er mir: „Wir sind alle auf diese Welt geboren worden, um sie zusammen zu pflegen.“
Das ist alles schon einige Monate her. Ich wohne mittlerweile woanders und habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Aber ich kenne jetzt seinen Namen.

Das einzige, das mich auf dem Klassentreffen überrascht hat, ist, dass ich hingegangen bin. Es war sehr nett. Alle sind ruhiger geworden, in die Kneipe wollte nach dem Essen kaum noch jemand. Verrückt, dass der Zwischenraum zwischen Schule und Arbeit dann doch oft so klein ist. Festanstellung, Kinderkriegen, Hochzeit – die Zeit rast und trägt uns unterm Arm.
Kindheitserinnerung: Nachts im Auto wieder aufwachen, es ist ganz ruhig, die Eltern sitzen vorne, ich bin sicher, draußen ab und zu Scheinwerfer entgegenkommender Fahrtzeuge, ich starre aus dem Fenster, irgendwo zwischen wach und nicht, weiter weg aus der Welt war ich noch nie.
Das neue Jahr gewährt einen Tag Schonfrist, dann kehre ich zurück. Der 13. Stock ist völlig leer, Öffnungszeit heute verkürzt auf 17 Uhr.
Unten im Hof liegt ein kleiner Vogel auf den Steinen. Er hat Neujahr nicht überlebt.
§ 960 Abs. 3 BGB: „Ein gezähmtes Tier wird herrenlos, wenn es die Gewohnheit ablegt, an den ihm bestimmten Ort zurückzukehren.“
Ich habe zum Beispiel die Gewohnheit immer wieder in den 13. Stock zurückzukehren. Ich bin gezähmt. Ich bin nicht wild, ich bin nicht herrenlos. Ich bin in den festen Händen des Blauen Turms.
Letztens ist eine Frau mit ihrem Fahrrad auf der falschen Seite gefahren. Ich bin ihr ausgewichen, mir ist sowas egal, ich fahre auch manchmal falsch. Zum Dank hat sie mir mit beiden Augen so gleichzeitig zugezwinkert und gelächelt. Da ist mir dann richtig warm ums Herz geworden.
Im neuen Haus habe ich vor Kurzem auch den geheimen Dachboden entdeckt. Es gibt den offiziellen Dachboden mit dem Krempel und der Gastherme und wenn man dann eine verkantete Tür aufschiebt, steht man direkt unter den Schindeln im Staub. Es ist richtig viel Platz. Mit einer kleinen Holzleiter kann man sogar auf eine Art Vorsprung klettern. Das habe ich mich dann aber nicht mehr getraut, weil ich Angst hatte, dass die Lehmdecke einstürzen könnte und wir unsere Kaution nicht wiederbekommen.
Herr N., der Biliothekar, druckt alle paar Tage das Cover seiner persönlichen „Neuerscheinung der Woche“ auf ein A4-Papier und hängt es hinter dem Tresen auf. Es hängt so weit hinten an der Wand, dass ich glaube, dass nur er es wirklich sehen kann, was die Sache noch schöner macht.
„Regen setzt ein“, sagt die Wetterapp links unten auf meinem Laptop. Es ist ganz trocken draußen. Menschliches Fühlen kann auch noch was.