Beugt sich über die Gleise wie so ein sehr großes Tier mit Rückenschmerzen. Das DUSS-Terminal hat eine Umschlagleistung von 30 Ladeeinheiten pro Stunde. Zu einem Container rollen. Das DUSS-Terminal besticht durch seine direkte Lage an den beiden wichtigsten Verkehrsachsen sowohl über die Schienenstrecke Hannover-Fulda als auch über die Autobahn A7 in Nord-Süd-Richtung. Container anheben. Das DUSS-Terminal kommt nicht nur der örtlichen Metallverarbeitungsindustrie zugute. Container absetzen.
Niemand hat das DUSS-Terminal mal gefragt, ob es das alles eigentlich will.
Heute steht es ganz still und denkt nach.
Kategorie: Sammlung
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Das DUSS-Terminal
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Grenzbaum
Der § 923 Abs. 1 BGB lautet wie folgt:
„Steht auf der Grenze ein Baum, so gebühren die Früchte und, wenn der Baum gefällt wird, auch der Baum den Nachbarn zu gleichen Teilen.“
Wenn man das ganz beschwingt liest, so erkennt man, dass diese Vorschrift beinahe einem daktylischen Metrum folgt. Es wurde sich im Ergebnis jedoch offensichtlich für eine rechtssichere, minimal holprigere Formulierung entschieden. Hätten Dichter das Bürgerliche Gesetzbuch geschrieben, würde die Norm vielleicht folgendermaßen in den dtv-Texten dieser Welt zu lesen sein:
„Steht auf der Grenze ein Bäumelchen, teilen die Nachbarn die Früchtelchen, fällt es, so teilen sie Baumes Rest gleich.“
So wäre es richtig.
Wenigstens im dritten Absatz kommen dann aber alle Lyrikfans noch auf ihre Kosten. Dort heißt es:„Diese Vorschriften gelten auch
für einen auf der Grenze stehenden Strauch.“Schön, oder?
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Seile verbinden
„Der Spleiß ist eine bruchfeste, dauerhafte, nicht lösbare Verbindung von Tauwerk durch Verflechten der einzelnen Kardeele“ (wikipedia)
Zu spleißen war eins der schönsten Dinge, die ich je gelernt habe.
Die störrischen Einzelteile des Seils mit aller Kraft auseinanderzutreiben und neu anzuordnen hat etwas sehr Zufriedenstellendes. Wie flechten, nur sinnvoller. Wie Holz spalten, nur weicher. Wie knoten, nur verbindlicher.
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Mai
Gestern saß ich in einem Baum mit meinem Sohn und wir haben Pfannkuchen in ein Marmeladenglas getunkt und gelacht und uns gut festgehalten.
In der Bibliothek steht jetzt Sonnencreme neben meinem Laptop. 21:30 Uhr: Es ist hell.
Ich habe manchmal das große Bedürfnis, mir so einen blöden Van auszubauen und damit die Mittelmeerküste entlang zu reisen und remote zu arbeiten, aber ich habe keine Ausbildung und für Networkmarketing bin ich noch nicht verzweifelt genug.
(Die Sommersprossen in meinem Gesicht verschwimmen über die Jahre immer mehr zu einer Art schmutzigen Masse ohne sich voneinander abzugrenzen.)
Es ist schön, jetzt kommt der Sommer, bald wird es unerträglich heiß und dann ist es auch schnell wieder vorbei.
Sich ein dreiviertel Jahr jeden Tag hiernach zurücksehnen.
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Blumen
Der Blumenhändler an der Ecke ist einer der nettesten Menschen der Welt, glaube ich. Ich betrete von Zeit zu Zeit den Laden. Alles ist vollgestellt mit zusammengewürfelten Vasen voller Pflanzen. Viel mehr als er jemals an einem Tag verkaufen könnte. Manche sind schon ein bisschen welk deswegen. Er fragt mich nie, welche ich möchte, er fragt immer, für wen der Strauß sein soll. Ich antworte und sage, was ich zahlen möchte. Ihm ist das egal. Der Blumenmann stellt das zusammen, das er für passend erachtet. Er lässt sich sehr viel Zeit. Er überlegt genau und wandert langsamen Schrittes durch das winzige Ladengeschäft. Er denkt nicht über den Preis nach, er verlangt immer zu wenig Geld. Diese muss auch noch hinein, sagt er immer, die schenke ich dir. Am Ende ist er jedes Mal zufrieden mit seiner Arbeit und wickelt den Strauß vorsichtig ein, auch wenn ich nur drei Minuten zu Fuß nach Hause gehen muss. Manchmal schenkt er mir noch ein paar Rosen oder Nelken mit hängenden Köpfen. Um die Theke herum hängen Steckbriefe verschiedener Blumen, die er von Hand auf altes Packpapier geschrieben hat. Irgendwie sieht er immer ein bisschen traurig aus.
Letztens war ich wieder im Laden. Der Blumenmann hatte am Sonntag Geburtstag, das Datum hatte er mir im letzten Jahr verraten. Er hatte sein erstes Blumengeschäft an seinem 18. Geburtstag eröffnet (am 5. Mai 2023 war das genau 50 Jahre her). Als ich ihm am Montag eine kleine Tüte mit Trüffeln vorbei brachte, nahm er mich in seine Arme und schüttelte mir dann sehr lange die Hände. Seine waren ganz kühl und noch ein bisschen feucht von den Stängeln, die er vorher zusammengebunden hatte. Im nächsten Jahr wird er schon 70. Manchmal wüsste ich gerne, wie er eigentlich heißt.