Dreizehnter Stock

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  • JVA


    Im Praktikum mussten wir uns die JVA anschauen, die hinter dem Postverteilzentrum auf einen gigantischen Acker gebaut wurde.
    Auf der zugehörigen Internetseite wird über die Dinge informiert, die der Inhaftierte mitbringen darf:

    […]
    Schlafanzüge 2
    Unterhosen 10
    Anzüge ohne Krawatte 1
    Gästehandtücher 2
    […]

    Die einzigen Gäste sind wir und wir benutzen die Handtücher auch nicht.
    Beim Sport tragen alle Inhaftierten Adidas Sambas, die von der JVA gestellt werden. In der Produktion werden Pappaufsteller zusammengefaltet und es darf geraucht werden. Der Justizvollzugsbeamte erzählt uns, dass die Auftragslage gerade schlecht sei. Man konkurriere mit Werkstätten, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten und diese seien momentan wohl eher en vogue. Einige nicken betroffen.
    Wir dürfen fast alles anschauen: den kargen Außenbereich, den Besuchsbereich mit der traurigen Spielecke für die Kinder, die vollgefließte Einzelzelle mit der Gummimatratze auf dem Boden. In der Sicherungsverwahrung wird uns ein privater Haftraum aufgeschlossen. Ich glaube nicht, dass der Bewohner gefragt wurde und schaue nicht hinein. Hinter der Tür hängt ein Perlenvorhang, der nicht im Wind schaukeln kann, weil es hier keinen Wind gibt.
    Ich möchte wirklich nie mehr hierher zurückkehren.

    19. November 2024

  • Anfang Juli

    Es hat sich nichts verändert und alles ist trotzdem anders.
    Vom Dreizehnten Stock aus habe ich einen sehr guten Blick über die Wolken, die den Himmel bis ans Ende der Welt bedecken. Manchmal regnet es, meist ist es einfach kalt.
    Sommer ist es trotzdem geworden, denn ich habe alle meine Prüfungen für dieses Semester geschrieben und bin für eine sehr kurze Zeit frei.
    Das kann mir nun wirklich keiner nehmen. Ich war auf einer Insel. Ich war ein paar Tage Zuhause. Jetzt bin ich wieder an meinem Platz hier oben und gucke raus. Wahrscheinlich ist es irgendein Naturtrieb, dass wir uns gerne an Orte begeben, die möglichst weit über N.N. liegen, denke ich immer wieder. Da hat es die Menschheit einmal auf die Hinterbeine geschafft und plötzlich hockt man in irgendwelchen Türmen, schaut hinab und genießt die Aussicht. Wolkenkratzer: eine seltsame Mischung aus effektiver Flächennutzung und Hybris. Alle Gebäude mit mehr als dreizehn Stockwerken sind übertrieben – meine Meinung.

    Mein Fahrrad hat eine Acht in der Felge. An einer bestimmten Stelle schleift die Bremse deshalb immer. Je schneller ich fahre, desto öfter werde ich ausgebremst. Je langsamer ich fahre, desto länger dauert das Bremsen an. Irgendeine Analogie zum Leben? Ich gehe am besten zu Fuß.

    Nächste Woche soll das Wetter dann auch wieder gut werden, aber vielleicht auch nicht oder nur für zwei Tage, wer weiß das schon und irgendwie auch egal.

    4. Juli 2024

  • Anfang Juni


    Ich habe mich getäuscht! Es ist noch längst nicht Sommer. Es regnet jeden Tag.
    Gestern war der Regenradar sogar kurz ganz violett eingefärbt über unserer Stadt. Als ich im blassblau nach draußen ging, hatte sich die Luft in einen Dunst verwandelt. Kurz dachte ich, wie schön es ist, dass es für diesen seltenen Zustand ein eigenes Wort gibt, denn richtig nebelig war es nicht. Eher so wie manchmal im Gewächshaus oder so, ich kann es schwer beschreiben. Als wäre die Brille beschlagen nur in echt. Netzhaut beschlagen. Als wäre die Welt in kursiv geschrieben. Jedenfalls viel Wasser in der Luft und auf der Straße und sowieso.

    Richtig Sommer ist überhaupt erst, wenn man dazu bereit ist, finde ich. Sommer geschieht nicht, man muss sich aktiv dafür entscheiden. Sommer existiert nur wirklich, wenn inneres Sehnen und tatsächliche Umstände kongruent werden. Man muss Sommer machen. Ansonsten ist es nur heiß und das mag ja wirklich fast niemand.
    Das Gute ist: Der Sommer kommt dann, wenn man bereit ist. Das Schlechte ist: Wenn man nicht bereit ist, kommt der Sommer nicht. Sonst wäre er ja nur eine Jahreszeit.
    Gerade habe ich noch keine Zeit für meinen Sommer. Deshalb kann ich ihn gar nicht verpassen. Er kommt, wenn ich hier mit allem anderen fertig bin. Warm ist es auch nicht. Nass ist es. Wir wohnen aber auf einem Berg und ich habe eine neue wasserdichte Hose. Deshalb macht mir der Regen nichts aus. Es könnte alles schlechter sein.

    2. Juni 2024

  • Leipzig

    Das ist kein Indie, das ist schlechter Deutschrap. Es tropft etwas auf meinen Kopf und ich bete, dass die Dielen unter mir doch endlich nachgeben, dass ich falle, dass ich irgendwo lande, in einem Raum, in dem ich Platz habe und in dem Ruhe ist und in dem ich einen großen Schluck Leitungswasser trinken kann. Aber ich habe 9€ für diesen Abend bezahlt. Wir gehen trotzdem früh.
    Die Straßenbahnen ruhen sich aus vom anstrengenden Tag und können uns nicht tragen.
    Jeder Baum in dieser Stadt hat einen Namen und die Babys der Enten bestimmt auch, aber sie haben keine goldenen Plaketten, noch nicht mal ein kleines Schildchen am Revers, deshalb kann man es nicht ganz genau wissen.


                                   unter dem Teppichboden liegt hundertprozentig Parkett.

    27. Mai 2024

  • Zustände

    Draußen regnet es. In unserem Hörsaal steht eine grüne Tonne, die das Wasser auffängt, das durch die Decke tropft. Der Teppich auf dem Boden ist durchgescheuert von den vielen Schritten, die wochentäglich auf ihm getan werden. Manchmal sind die Eingangstüren zum Zentralen Hörsaalgebäude mit einem großen Blatt Papier versehen, auf welches das Wort „GESCHLOSSEN“ gedruckt ist. Dann muss man durch eine andere Tür gehen oder man lässt es einfach und bleibt, wo man ist.
    Irgendwann werden vermutlich auch die Fahrstühle dauerhaft außer Betrieb genommen. Dann kann man nur noch die Treppen laufen und ich werde ganz alleine hier oben sein.
    Wenn man bei den Schließfächern aus dem Fenster schaut, sehen die Wasserflecken auf dem Dach aus wie ein Rorschachtest.

    22. Mai 2024

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